Wie funktioniert der Strommarkt und die Vermarktung von Strom?

(Babette Hebenstreit, Klaus Lichtenegger)

Im elektrischen Netz müssen sich eingespeister und verbrauchter Strom zu jedem Zeitpunkt decken, da elektrische Energie nicht in den Leitungen gespeichert werden kann.

Wie ist die Organisation des Stromnetzes damit sich Einspeisung und Verbrauch decken?
Jeder Zählpunkt (d.h. jeder Netzanschluss, z.B. Haushalts-, Gewerbe- oder Kraftwerksanschluss) wird einer sogenannten Bilanzgruppe zugeordnet. Jede Bilanzgruppe erstellt täglich einen Fahrplan, welche Strommenge (in kWh) sie pro Zeiteinheit an welche Bilanzgruppen liefert bzw. von welcher Bilanzgruppe sie wieviel geliefert bekommt. In Österreich ist diese Zeiteinheit 15 Minuten. Damit wird sichergestellt, dass der eingespeiste Strom immer auch einen Abnehmer hat. Die Liefermengen werden am Fahrplanenergiemarkt bestimmt.

Wie kaufe bzw. verkaufe ich Strom?
Die verschiedenen Märkte, an denen die Bilanzgruppen die Stromlieferungen (ver)-kaufen, werden als Fahrplanenergiemarkt bezeichnet. Der Handel erfolgt entweder über eine Börse (z.B. EXAA) oder bilateral (= OTC – over the counter). Der Handel kann kurzfristig (Spotmarkt) oder langfristig (Terminmarkt) erfolgen.

Terminmarkt
Erfüllungszeitpunkt: Lieferung liegt mindestens eine Woche in der Zukunft (derzeit wird bis max. 6 Jahre in die Zukunft gehandelt)
Produkte: Unbedingte und bedingte Termingeschäfte, Base- und Peakprodukte

Spotmarkt
Erfüllungszeitpunkt: Lieferung zeitnah an Vertragsabschluss: Day-Ahead (am Vortag) oder Intra-Day (während des Tages)
Produkte: Base-, Peak-,  Stundenprodukte

Wie wird physikalisch der Unterschied zwischen Vorhersage und Realität ausgeglichen?
In der Realität entspricht der Verbrauch nicht genau dem vorhergesagten Fahrplan, vor allem nicht über den gesamten Zeitraum. Die folgende Abbildung zeigt exemplarisch bei einer Vorhersage von 10 kWh in der Realität Differenzen zwischen Verbrauch und Einspeisung entstehen.

Das Stromnetz wird in Regelzonen unterteilt. Österreich ist gesamt eine Regelgruppe, die von der APG organisiert wird. Innerhalb jeder Regelzone müssen die Differenz zwischen Einspeisung und Verbrauch durch Regelenergie ausgeglichen werden. Dies erfolgt bei positiver Regelenergie durch zusätzliche Einspeisung oder Verbrauchsreduktion, bei negative Regelenergie durch zusätzlichen Verbrauch oder Einspeisereduktion. In der Abbildung ist die notwendige negative und positive Regelenergie exemplarisch dargestellt. Die Regelenergie ist in drei Zeitbereichen organisiert, die sich jeweils gegenseitig ablösen:

Primärregelung
Zeit: 30 Sekunden
Ausschreibung/Abwicklung: Symmetrisch (positiv und negativ), Automatisch anhand Netzfrequenzmessung

Sekundärregelung
Zeit: 5 Minuten
Ausschreibung/Abwicklung: Positiv und negativ getrennt

Tertiärregelung (Minutenreserve)
Zeit: 15 Minuten
Ausschreibung/Abwicklung: Positiv und negativ getrennt

Nach einer Präqualifizierung können Anlagen bei der Auktion für Regelenergie mitmachen. Diese wird derzeit wöchentlich ausgeschrieben. Die Vergütung erfolgt nach Leistung und bei Sekundär- und Tertiärregelung zusätzlich nach Energiemenge.

Wie wird finanziell der Unterschied zwischen Vorhersage und Realität ausgeglichen?
Die real angefallenen Kosten durch Regelenergiebereitstellung werden in Österreich von der APCS an die Bilanzgruppen als Ausgleichsenergiekosten weiterverrechnet. Der Netzbetreiber liest alle 15 Minuten alle Zählpunkte ab (wo kein elektronischer Zähler ist, wird der Verbrauch geschätzt). Die Abweichung zwischen Fahrplan und realem 15-Minuten Messwert stellt die Basis für die Verrechnung von Ausgleichsenergie dar. Je besser die Bilanzgruppe voraussagen kann, wann wieviel Strom verbraucht bzw. eingespeist wird, und sich über den Fahrplanenergiemarkt den Strom kauft/verkauft, desto weniger Ausgleichsenergiekosten fallen an.

 

 

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